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01.05.2001- Ambitionierte Verleger haben's schwer




Wie viele Geschichten man doch über einen sehr diskreten Menschen erzählen kann, der öffentliche Auftritte mied, ja dessen Aussehen kaum jemand kannte! Bücher haben ihr Schicksal, manchmal auch Autoren, aber das Schicksal von großen Verlegern vermischt sich mit der Geschichte „ihrer“ Bücher und Autoren, so auch im Fall von Jérôme Lindon. Das Verlagshaus Les Editions de Minuit hat in den 53 Jahren unter seiner Leitung zwar kaum mehr als 20 Titel jährlich publiziert, aber dennoch Epoche gemacht.

1942, unter der deutschen Besatzung, brachte der Zeichner Jean Bruller alias Vercors jenen Roman als mitternächtlichen Piratendruck heraus, der 200 Jahre Deutschenbild zusammenfasste und gewiss noch für 200 Jahre das Bild der Deutschen in Frankreich prägen wird: „Das Schweigen des Meeres“. Im Untergrundverlag erschienen über 20 Titel namhafter Autoren von Gide bis Mauriac, die jedoch nach dem Krieg zu ihren angestammten Verlagshäusern zurückgingen (die sich ziemlich kompromittiert hatten).

1946 trat Lindon als Volontär in die Buchherstellung des Hauses ein, aus dem Vermögen seiner Familie stockte er das Grundkapital des kleinen Verlages auf. Damals war er gerade 23 Jahre alt. Lindon hatte sich 1942 einer jüdischen Pfadfindergruppe angeschlossen, die bald der Résistance beitrat. Am Ende des Krieges zog er als Soldat der französischen Armee in Deutschland ein. Er stammte aus gutbürgerlicher Familie, doch sein höchster Wert blieb Unabhängigkeit. Über seine jüdische Identität hat er sich erst gegen Ende seines Lebens und ganz versteckt im Zusammenhang mit der Übersetzung eines biblischen Textes geäußert.

Wiederholt druckte er politisch engagierte Texte, etwa 1951 ein Buch von Jean Paulhan, selbst ein führender Kopf des Widerstands, gegen wuchernde Résistance-Legenden und die Exzesse der politischen Säuberungen nach 1944. Während des Algerienkrieges erschienen bei Minuit mehrere Bücher, die die französische Kolonialpolitik und die in Algerien angewandte Folter verurteilten.

Lindon hatte eine ganz spezielle Art, auf Texte und Autoren zu reagieren, er entschied am liebsten allein und immer sehr schnell. So brauchte er kaum Bedenkzeit, als er 1951 einen Autor unter Vertrag nahm, den niemand sonst haben wollte: Samuel Beckett. Mit dessen Roman „Molloy“ begann die eigentliche literarische Verlagsgeschichte. 1951 auch bezog Minuit das Gebäude im 7.Arrondissement, in dem es noch immer logiert, ein ehemaliges Freudenhaus, wie man gern erzählte.

1955 trat der junge Alain Robbe-Grillet als Cheflektor ein, dessen ersten Roman Lindon 1953 veröffentlicht hatte. 1957 und 1958 erschienen in dichter Folge wichtige Romane von Michel Butor, Claude Simon, Nathalie Sarraute, Marguerite Duras und immer wieder von Robbe-Grillet. Eine ganze Generation von Autoren, bald unter dem Begriff Nouveau Roman zusammengefasst, war sichtbar geworden; sie prägte das Bild des Hauses und auch eine bestimmte Idee von Literatur, streng, formalistisch, experimentell.

Der Verlag agierte stets am Rande des Konkurses, Vorschüsse wurden nicht gezahlt. Eigentliche ökonomische Basis waren die sehr erfolgreichen Paris-Bücher von Jacques Hillairet, darunter das inzwischen legendäre „Historische Wörterbuch der Pariser Straßennamen“ in zwei Bänden, das 1963 erschien. Die Nobelpreise für Samuel Beckett (1969) und Claude Simon (1995) gelten als weitere Höhepunkte im Verlagsleben von Jérôme Lindon.

Paradoxerweise erzielte das kleine Haus einen der größten Auflagenerfolge des französischen Buchmarktes überhaupt, nämlich 1984 mit „L’Amant“ von Marguerite Duras, 1,2 Millionen Exemplare allein in Frankreich. Später ließ Lindon durchblicken, dass er von der Autorin, die damals gerade eine Entziehungskur durchmachte, ein sehr unsauberes, unfertiges Manuskript erhalten hatte, aus dem er überhaupt erst einen lesbaren Text machen musste.

Der Verleger verstand sich als Entdecker, Begleiter und Gesprächspartner seiner Autoren, denen er auch in schwierigen Zeiten die Treue hielt. Literatur war für ihn Teil der eigenen Kultur, kein Sektor der Unterhaltungsindustrie. Seine Grabstätte auf dem Friedhof Montparnasse liegt nur wenige Schritte entfernt von der Samuel Becketts.

Manfred Flügge über Jérôme Lindon in der WELT vom 21.4.01.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Autors



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